Reisen bildet

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Die Rahmenbedingungen für die Feuerwehren ändern sich rasant. Einerseits steigen die rechtlichen Anforderungen und neue Aufgaben kommen hinzu. Andererseits sinkt die Zahl der Aktiven, vielerorts mangelt es an Führungskräften. Neue Konzepte sind gefragt. Wir stellen verschiedene Lösungsmöglichkeiten vor. Diesmal: die auswärtigen Fortbildungseinheiten der BF Mönchengladbach.

30 Stunden Fortbildung müssen die im Rettungsdienst eingesetzten Kräfte in Nordrhein-West­falen pro Jahr nachweisen. „Doch warum muss das immer am Standort erfolgen“, fragten sich 2004 Holger Kernchen (Lehrrettungsassistent und Dozent im Rettungsdienst) und Friedhelm van der Weck (Oberbrandmeister und LRA der Berufsfeuerwehr Mönchengladbach). Seitdem organisieren die beiden in ihrer Freizeit jedes Jahr ein Notfallsymposium außerhalb Mönchengladbachs.

„Jedes Fortbildungsprogramm wird im Vorfeld durch den Leiter der staatlich anerkannten Rettungsassistentenschule genehmigt“, betont Mönchengladbachs stellvertretender Feuerwehrchef Dirk Schattka. Dadurch ist auch gewährleistet, dass das Symposium im Rahmen der Rettungsdienstfortbildung, nach Vorlage der Unterrichtsinhalte und Zeiten, anerkannt und gewertet wird.

Die Berufsfeuerwehr Mönchengladbach erkennt  die Rettungsdienstfortbildung nach § 5 RettG NRW als Arbeitszeit an.

„Die Idee zu dieser Fortbildungsart entstand bei einem Kaffee“, erinnert sich Friedhelm van der Weck noch ganz genau an die Anfänge. Bis 2004 nahmen die Kolleginnen und Kollegen der Berufsfeuerwehr Mönchengladbach am Fortbildungsprogramm der Rettungsassistentenschule teil, um der 30-Stunden-Verpflichtung nachzukommen. „An unserer Schule werden diese Fortbildungen in der Woche, ganztägig angeboten“, so Holger Kernchen. „Zu wenig Abwechslung, immer die gleichen Themen, immer die gleichen Dozenten“, kritisierten die Mitglieder der Wachabteilungen. Sie wünschten sich eine Art Blockveranstaltung, eine gemeinsame kleine Reise mit Fortbildungseinheit an einem Stück.

Bedingung: Kosten zahlt jeder Teilnehmer selbst

Entgegen der Befürchtungen hatte die Amtsleitung keine Bedenken gegen eine Fortbildung außerhalb der eigenen Stadtmauern. Ebenso eindeutig aber die Aussage: Finanzielle Unterstützung gebe es keine. Das Ende der Pläne? „Nee, die Kollegen wollten es wenigstens einmal ausprobieren“, so van der Weck. Alle Teilnehmer sowie auch die Ausbilder und Ärzte des Symposiums zahlten die Kosten für An- und Abreise, Verpflegung, Unterbringung, Getränke und Zusatzveranstaltungen (zum Beispiel Museumsbesuche) aus eigener Tasche. Bisher kostete die Teilnahme zwischen 150 Euro und 365 Euro pro Person – je nach Reiseziel.

Das erste auswärtige Notfallsymposium (acht Teilnehmer) fand vom 3. bis zum 5. Dezember 2004 in Cochem statt. Schwerpunkt der Fortbildung war der Umgang mit Automatischen externen Defibrillatoren (AED), die zu diesem Zeitpunkt ihren Einzug in Deutschland hielten. Diese neue Technik bezogen die Ausbilder ins intensive Reanimationstraining mit ein. Den außergewöhnlichen Charakter der Veranstaltung unterstrich eine Präsentation der örtlichen Feuerwehr Cochem. Die FF Cochem besitzt ein Tunnelrettungsfahrzeug, das eingeschient werden kann und eigenständig in Eisenbahntunnel einfährt. „Das ist schon etwas anderes, wenn man so etwas mal live sieht“, so van der Weck.

Natürlich kennt der Mitorganisator auch die Vorbehalte gegen solche Bestandteile der auswärtigen Ausbildungseinheiten. „Was bringt die Vorstellung einer Technik, die am Heimatstandort nicht zur Verfügung steht?“, ist eine der häufigsten Fragen. „Wir haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass viele innovative Ideen unserer Feuerwehr dadurch zustande gekommen sind, das Leute über den Tellerrand schauen und auch völlig fremd wirkende Informationen zur Lösungsfindung einsetzen“, berichtet van der Weck.

Bei der Zweitauflage im Jahr 2005 fuhren bereits 18 Teilnehmer mit. Vom 20. bis 22. Mai ging es nach Hamburg. „Neben den traditionellen medizinischen Themen bekamen wir hier einen Einblick in die Feuerwehr einer Millionenstadt. Besonders beeindruckend war, neben dem Erfahrungsaustausch mit den Hamburger Kollegen, ein Besuch auf der Umweltwache“, so Feuerwehrmann Thomas Blankenburg.

 

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m folgenden Jahr hieß das Ziel Norderney (28. September bis 1. Oktober). Was liegt auf einer Nordseeinsel näher, als sich mit Notfällen der Wasserrettung zu beschäftigen? „Mit den Jahren konnten wir immer mehr Notärzte für unsere Fortbildung begeistern und diese für ärztliche Fachvorträge gewinnen“, berichtet Holger Kernchen. So gab es 2006 neben den üblichen Workshops, wie Reanimation oder Atemwegssicherung, eine intensive Schulung zu Tauchunfällen. Hier zeigte sich einmal mehr, dass Themen gar nicht so exotisch sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Tauchmediziner Dr. med. L. Dohmann zeigte auf, dass die meisten Tauchunfälle beim Training im Schwimmbad passieren.

Als Schulungsgebäude standen die Räumlichkeiten der Feuerwehr Norderney zur Verfügung. Endlich mal kein langweiliger Ausbildungsraum“, lobte beispielsweise Mike Boochs, der sich ehrenamtlich beim DRK Mönchengladbach als Kreisbereitschaftsleiter engagiert. Die Symposien sind offen für die Mitglieder aller Hilfsorganisationen.

Bei einer Stationsausbildung waren – über die ganze Insel verteilt – Aufgaben von den Ausbildungsgruppen zu absolvieren. So galt es beispielsweise, Rettung und Transport eines Verletzten, eine Reanimation, eine Pfählungsverletzung, einen Verkehrsunfall und eine Sichtungsübung abzuarbeiten. Die Teilnehmer fuhren hierzu die Stationen mit dem Fahrrad ab. An den Stationen unterstützten das DRK unter der Leitung von Bereitschaftsführer Sven Brachen die Kameraden der örtlichen Feuerwehr um Stadtbrandmeister Peter Heckelmann.

Als krönenden Abschluss gab es an der letzten Station eine Wasserrettung mit der Besatzung des DGzRS Seenotkreuzers „Bernhard Gruben“. Bei der Übung ging es darum, eine Person aus dem Wasser und an Bord des Tochterbootes zu holen. Anschließend wurde der „Schiffbrüchige“ mit einer Schaufeltrage an den Seenotkreuzer übergeben und an Bord der „Bernhard-Gruben“ versorgt. Von der abschließenden Fahrt mit der „Bernhard-Gruben“ schwärmen die Landratten aus Mönchengladbach noch heute.

Von Dresden lernen

Einmal an das Wasser gewöhnt, ging es im Jahr 2007 (vom 26. bis zum 29. April) mit insgesamt 37 Teilnehmern wieder auf ein Schiff. Dies lag auf der Elbe bei Dresden und gehört dem Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM). „Bei dieser Fortbildung hatten wir zum ersten Mal das Glück, das sich Ausbildungsräume und Unterbringung der Teilnehmer unter einem Dach befanden. So konnten wir nicht nur jederzeit auf zwei gut ausgestattete Schulungsräume zurückgreifen, sondern das gesamte Schiff mit allen Aufenthaltsbereichen für uns nutzen“, so Friedhelm van der Weck.

Auch in Dresden unterstützte die Feuerwehr die Gäste nach Kräften. Dr. med. Rolf Kipke, verantwortlich für die Aus- und Fortbildung, gab einen Einblick in die Ausbildungsstruktur des Rettungsdienstes und lud zur Schulung auf die Wache ein. Thema: Einsatz des in Dresden verwendeten LUKAS-Reanimationsgerätes. Dahinter verbirgt sich ein System zur mechanischen Thoraxkompression der Firma Medtronic.

Holger Kernchen: „Der Gebrauch der elektronischen Einsatzdokumentation und die Nutzung der datengeschützten Auswertung zeigten uns ebenfalls auf, dass man daheim vielleicht nicht ganz so innovativ ist, wie man immer glaubt.“ Ein Besuch des Hygiene-Museums in Dresden gab Anlass, sich auch einmal mit der Thematik ethischer Fragen auseinander zu setzen. In Kleingruppen mit professionellen Führern besuchten die Mönchengladbacher die Sonderausstellung „Tödliche Medizin“, Euthanasie im Dritten Reich.

Zum Schwerpunktthema „der polytraumatisierte Patient“ gestaltete die Feuerwehr Dresden sehr anschaulich einen Schienenunfall. Auf dem Gelände der Verkehrsbetriebe Dresden (Gorbitz) demonstrierten Feuerwehrleute den Gästen aus Nordrhein-Westfalen außerdem, mit welchen Methoden Schienenfahrzeuge angehoben werden können. Die Dresdner besitzen dafür ein bundesweit einmaliges Spezialfahrzeug der Firma Hüffermann (siehe FM 1/1998).

Erstmals ins Ausland

In diesem Jahr fand das Notfallsymposium zum ersten Mal im Ausland statt. Am 6. März ging es zur Fortbildung für vier Tage mit 45 Teilnehmern (davon sechs Notärzte) in die Berge nach Österreich. In Losenstein waren die Mönchengladbacher im Landesjugendheim des Landes Steiermark untergebracht. Auch die Seminarräume des Hauses konnten genutzt werden. Die bewegenden Punkte der Ausbildung fanden jedoch in frischer Bergluft statt. Neben den mittlerweile standardisierten Workshops mit Schwerpunktthemen wie der Reanimation, intraossäre Zugänge, Extremitätenverletzungen und Immobilisation ging es um die Bergrettung und den Wintersport.

Die Ausbilder Marcus Schönthier (Höhenrettungsgruppe der BF Mönchengladbach) und Frank Jakobi (Absturzsicherungsgruppe der BF Bonn) hatten alle Teilnehmer des Symposiums mit einer Unterweisung zur Absturzsicherung auf das Thema vorbereitet. Während einer gemeinsamen Stationsausbildung mit den Mitarbeitern der Bergwacht konnte das Erlernte dann ausprobiert werden. Dass sich dabei alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer von einer Burgruine etwa 40 Meter abseilen ließen, mit einer „Seilbahn“ 100 Meter zu Tal fuhren, einen Klettersteig alleine bewältigten, einen Verletzten versorgten und im steilen Gelände mit dem Bergrettungsgerät abtransportierten, beeindruckte alle Beteiligten. „Für fast alle eine ganz neue Erfahrung und für die Gruppe ein Erlebnis, das zusammenschweißt“, bestätigt Notärztin Debbie Rottes.

 

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o gestärkt ging es am nächsten Tag zur Tunnelübung. Der Ort Losenstein wird durch einen Tunnel vom Durchgangsverkehr der Bundesstraße entlastet. Nicht so an jenem Tag. Für fünf Stunden sperrte die Landesregierung den Tunnel. Drei Autowracks sowie zahlreiche Verletztendarsteller sorgten für ein sehr realistisches Unfallszenario. Die Teilnehmer des Symposiums wurden in die bestehende Einsatzstruktur integriert und auf die Fahrzeuge der beteiligten Feuerwehren aus Laussa, Reichraming, Großraming, Losenstein und der „Rettung“ (das Rote Kreuz Ternberg) verteilt.

Was dann folgte, war für alle Beteiligten unglaublich. Weder Sprachunterschiede (Nierenschale = Brechschale) noch unterschiedliche Einsatzstrukturen konnten den Ablauf behindern. Jeder versuchte, sich auf den anderen einzustellen, fand sehr schnell Kompromisse und kam zu effektiven Ergebnissen. „Ich habe in meiner Zeit bei der Feuerwehr wenige Übungen mit eingespielten Teams gesehen, bei denen es besser lief“, freut sich Symposiums-Organisator van der Weck.

2009 wird es wieder ein Notfallsymposium geben. „Geplant ist eine Fortbildung mit unseren Freunden auf Norderney“, so van der Weck. „Ja richtig, Freunden. Das ist ein weiteres Ergebnis unserer Fortbildung. Wo immer wir waren, haben sich Freundschaften entwickelt und wurden Kontakte geschaffen. Diese Freundschaften bedürfen natürlich einer gewissen Pflege. So kommen wir dem Wunsch der Norderneyer nach und werden erstmalig ein Notfallsymposium wiederholen.“ „Norderney gehört ohne Zweifel zu den Highlights der Reihe“, bestätigt auch Debbie Rottes. Kein Wunder also, dass das Symposium 2009 bereits restlos ausgebucht ist.

Auch Frank Jakobi von der BF Bonn ist wieder dabei: „Ich habe bisher alle Touren mitgemacht und bereue keine Minute und keinen Euro, den ich ausgegeben habe. Die Veranstaltungsreihe ist der Beweis dafür, dass Fortbildungen nicht dröge sein müssen, sondern richtig Spaß machen können.“

                                                                                                 Text: Holger Kernchen und Jan-Erik Hegemann
                                                                                                                                                                                           Fotos: Friedhelm van der Weck

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